Sportplatz

Sportplatz in der Aue, Steinackerstraße, 64372 Ober-Ramstadt

 

Ober-Ramstadts Fußballplätze

von Richard Rohrbach

König „Fußball“ hatte leider nicht nur gute Freunde. Er musste sich seinen Stellenwert mühevoll Sonntag um Sonntag erkaufen. Das wenige Geld der Vereine reichte gerade, um die notwendigsten Kosten zu decken. Mithin schied auch schon der Gedanke aus, selbst einen Sportplatz herzurichten. Öffentliche Gelder waren für andere Aufgaben vorgesehen. Und da jegliches Feld landwirtschaftlich genutzt wurde, war es nicht einmal möglich, ein geeignetes Stück Gelände zum Kicken zu finden.

„Wildscheuerwiese“

Vielleicht gibt es ja noch Fußballfans unter der älteren Generation, der sonntags zur „Wildscheuerwiese“ hinterm „Häuschen“ am „Kuhfalltor“ pilgerten. Hier wurden primitiv die Tore aufgeschlagen. An Netze war zu dieser Zeit nicht zu denken. Selbst die Torbalken mußten vom Ort aus mitgenommen werden. Was war das ein Idealismus! Und nicht selten kam es vor, dass plötzlich der Förster auftauchte. Damit war dann das Spiel beendet wegen Betreten eines nicht für Fußball genehmigten Geländes.

„Fohlenweide“

Kann sich eigentlich noch jemand an die Spiele auf der „Fohlenweide“ – auf Platt: „Füllerwaad“ – im oberen Bereich der Adlergasse/Ammerbachstraße erinnern?

Im Steinbruch

Als man dann später Gelände im Steinbruchgebiet benutzen konnte, war man in der Sache selbst ein Stück weitergekommen, doch der damalige Hartplatz war keineswegs ideal.

„Am Schorrsberg“

Viele Ober-Ramstädter als Zuschauer, aber vor allem auch die Spieler und die Verantwortlichen können noch vom Sportplatz „Schorrsberg“ ein Liedchen singen. Es war eine einstige Wiese, die dem Eigentümer des „Hessischen Hofes“, Herrn Rodenhäuser, gehörte. Er war den Fußballern offensichtlich sehr angetan und verpachtete den Geländestreifen an den „Sport-Club“. Nebenbei bemerkt, war der „Hessische Hof“ über viele Jahre hinaus das Vereinslokal des „Sport-Clubs“. Kann sich heute noch ein Aktiver vorstellen, sich vor dem Spiel in einem Vereinslokal umzuziehen und dann mit FußballstiefeIn zum gut 1 km weiterliegenden Sportplatz zu laufen? Sicher keiner mehr. Und dann kam nach dem Spiel der Rückweg, um sich im Vereinslokal zu waschen. Typisch für Ober-Ramstadt war, daß immer mehrere Bälle vorhanden sein mussten, da bei jedem unkontrollierten Schuss ein Ball zunächst in der vorbeifließenden Modau landete. Es waren schon Spezialisten, die die Bälle aus dem Bach fischten. Von einem Sportplatz im heutigen Sinne konnte man allerdings am „Schorrsberg“ auch nicht sprechen. Keine genormten Maße, oft zu nasser Boden, kein gepflegter Rasen, Aufschüttungen durch Maulwürfe und häufig geflickter Zaun an den Toren. Das Futter auf dem Sportplatz teilten sich einige Hasenzüchter, die gelegentlich auch den Platz etwas planieren mussten. Bei wichtigen Spielen entzogen sich zahlreiche Zuschauer dem Kassierer, indem sie einen Platz auf der vorbeiziehenden Straße nach Modau vorzogen. Doch auch hier sollte Abhilfe geschaffen werden. In mühevoller Arbeit wurde ein Zaun aus Holz aufgebaut, auf den man später dann noch eine Juteplane aufsetzte, um den Zaungästen die Sicht zu nehmen.

„In der Aue“

In mühevoller Arbeit und ungezählten freiwilligen Helferstunden hatten sich die „Freien Sportler“ im Bereich des heutigen Stadions einen Sportplatz geschaffen, der in den dreißiger Jahren schon seinesgleichen suchte. Mit einem großen Sportfest aller Sparten des Arbeiter- Turn- und Sportvereins wurde seiner Zeit das Sportgelände eingeweiht. Der Platz wurde in den folgenden Jahren noch bespielt, jedoch bedurfte es der öffentlichen Pflege des gesamten Geländes.

Sportplatz „In der Aue“: 16. Juni 1956

Der Zustand des Fußballplatzes „Am Schorrsberg“ konnte praktisch nicht verbessert werden. Es setzte eine jahrelange Diskussion in den fünfziger Jahren ein, wo sich mit Hilfe der Gemeinde ein passendes Gelände finden und ausbauen lassen : könnte. Allenthalben hatten mittlerweile schon größere und gleich große Gemeinden auch eine Lücke geschlossen und neue Sportplätze herstellen lassen. Man suchte also in Ober-Ramstadt. Favorisiert war schließlich das Gebiet „In der Aue“, wo bereits ein größerer Geländestreifen aus dem früheren Sportplatz des Arbeiter-Sportvereins vorhanden war. Für Planierungsarbeiten konnten Fahrzeuge der US-Army aus Darmstadt gewonnen werden, für die nur geringe Kosten anfielen. Bürgermeister Peter Frankenberger und die damaligen Gemeindeväter hatten manchen Stein aus dem Wege zu räumen, bis das Werk geschaffen war. Mit einem drei Tage dauernden Fest wurde das Sportfeld, mit Laufbahn versehen und einem Funktionsgebäude, seiner Bestimmung übergeben.
Für die Fußballfreunde aus Ober-Ramstadt und Umgebung wurde diese Sportplatzweihe am Samstag, den 16. Juni 1956, zu einer bleibenden Erinnerung. Kein geringerer, als der damals renommierte 1. FC Köln mit Trainer Hennes Weißweiler und sechs Nationalspielern konnte zu einem Freundschaftsspiel gegen die Mannschaft des SV Darmstadt 98 gewonnen werden. Das Vorspiel bestritt eine Prominentenelf gegen unsere 1. Mannschaft.

Der 1. FC Köln mit mehreren klangvollen Namen verlangte damals auf einer Spielreise nach Frankreich rund DM 6.000,–, der SV Darmstadt nicht ganz DM 2.000,– und für beide Mannschaften gab es ein Essen im „Hessischen Hof“. Da man zu dieser Zeit auf dem Lande noch mit etwas mehr Interesse als heute für ein derartiges Spiel aufwartete, rechnete man mit rund 4.500 Zuschauern. Das US-Depot half uns mit Paletten und einer Tribüne. Alles war gut vorbereitet, doch das Wetter spielte im Vorfeld leider nicht mit. Der Vorverkauf war gleich Null. Georg Obmann und Richard Rohrbach waren freitagsabends betrübt vom Sportfeld kommend in die Mitgliederversammlung im „Goldenen Anker“ (Heinrich Burger) gekommen, weil die frisch aufgeklebten Sitzplatz-Nummern auf den Bänken vom Regen sofort wieder abgeweicht wurden.

Vorsitzender Georg Hanstein sah fast wie alle Anwesenden schwarz für unsere Finanzen, sofern über Nacht das Wetter nicht besser werde. Er kündigte sogar an, am Samstag zu dem Spiel nicht zu kommen. Im Raum stand die offene Frage, wer bezahlt die beiden Vereine am Samstagnachmittag aus, nachdem seitens der Stadt auch keine Bürgschaft signalisiert worden war.

Wer könnte gegebenenfalls am Samstag rund DM 8.000,– flüssig machen? Niemand konnte zunächst hierauf eine positive Antwort geben!

Einer änderte das miese Stimmungsbild: Karl Becht (Willis Vater), der für den „König Fußball“ alles war, erklärte, er wolle sein Wohnhaus als Bürgschaft geben! Erleichterung allenthalben. Und vor allem, als am Samstag die Sonne schien. Die Platz-Nummern wurden schnell nachgeklebt, der Vorverkauf lief sehr gut und selbst der Vorsitzende war pünktlich zum Begrüßungsakt gekommen. Für rund 4.000 Zuschauer gab es in Ober-Ramstadt eine Fußballdemonstration und ein Dankeschön für den, der dem Ober-Ramstädter Fußball helfen wollte.

Hennes Weißweiler trainierte schon 1956 bei der Sportplatz-Weihe den 1. FC-Köln. Seine Besonderheiten lernten auch einige Ober-Ramstädter kennen. Von Köln aus rief er am Spieltag in Ober-Ramstadt im Rathaus bei Richard Rohrbach an und diktierte, welches Menü der Mannschaft nach dem Spiel kredenzt werden dürfe.

Nicht nur das.

Als der Mannschaftsbus der Kölner auf dem Sportgelände „In derAue“ eintraf, sah sich „Hennes“ nach den Umkleidekabinen um. Die beiden Kabinen waren mit Kleidungsstücken der gerade spielenden zwei Mannschaften belegt.

Flugs ordnete er an: „Völlig verbautes Funktionsgebäude, alles im Bus umziehen und Vorhänge zu!“

Hartplatz als zweiter Platz und neuer Zugang geschaffen

Bald zeigte es sich, dass ein Rasenplatz allein bei den vielen Mannschaften und vor allem bei jedem Wetter nicht ausreichend ist. Die Stadt ließ deshalb noch einen zweiten Platz als Hartplatz anlegen. Die Fußballer bauten sich selbst am Treppenaufgang zum Sportplatz ein Kassenhaus, das auch für Geräte und Toilette genutzt wird. 1985 konnte sogar am Schleifweg ein neues Funktionsgebäude durch die Stadt errichtet werden. Gleichzeitig wurde damit der Zugang zum Sportplatz verlegt. Im Funktionsgebäude ist zugleich der Kassenschalter angebracht; außerdem wurden neue Parkplätze geschaffen. Ein hauptamtlicher Platzwart sorgt dafür, daß die gesamten Anlagen stets in gepflegtem Zustand sind. Und Richard Rohrbach weiter:
Nach 75 Jahren hat König „Fußball“ also doch gesiegt! Gesiegt im Wandel der Zeit und vor allem, weil heute der Sport in der Aufgabenliste der Kommunen einen besonderen Stellenwert einnimmt. Die Städte und Gemeinden sehen es heute als eine ihrer vornehmsten Aufgaben an, Sportstätten bereitzustellen, um Schüler, Jugend und Aktiven die Möglichkeit zu geben, im Rahmen der allgemeinen Gesunderhaltung der Menschen Sport zu betreiben. Aber dennoch sind örtlich die Weichen noch etwas verschieden gestellt. In Ober-Ramstadt zumindest dürfen die Sportler der Stadt mit ihren Körperschaften ein echtes Dankeschön sagen für das berühmte „offene Ohr“, das nicht einmal überall Selbstverständlichkeit ist.

Veröffentlicht: 20.07.2015 von Axel Rückert